Auf den Spuren von Kaspar Moosbrugger in die Slowakei und nach Ungarn

29. August bis 3. September 2016

Offenbar schien der Osten Mitteleuropas den Mitgliedern des Felder-Vereins weniger attraktiv als frühere Literaturreisenziele, sodass sich diesmal „nur“ 20 Leute auf die Fahrt machten. Die wurden aber nach einhelligem Urteil durch eine der schönsten und interessantesten Reisen überhaupt belohnt. Schuld daran war auch das wunderbare Spätsommerwetter und vor allem unsere Führerin in der Slowakei, Mag. Monika Profantova, deren Kompetenz und Charme alle in ihren Bann schlug.
Verglichen mit der letztjährigen Paris-Reise verlief die Bahnfahrt mit dem Railjet nach Wien völlig stressfrei. Dort holte uns ein Bus der Firma Blaguss ab, auf dem ein altes Paar und ein Rollstuhl abgebildet waren. Für Außenstehende wirkten wir vermutlich wie ein Transport mit gehbehinderten alten Leuten…. Erste Station war Bratislava, das alte Preßburg, lange die Haupt- und Krönungsstadt des Königreiches Ungarn. Unser erster Führer, Dr. Jozef Tancer, Leiter des Instituts für Germanistik und Niederlandistik an der dortigen Universität, Verfasser mehrerer Publikationen über Bratislava, brachte uns die Stadt und ihre Geschichte in seinem Rundgang höchst professionell und auch unterhaltsam nahe. Einer der Höhepunkte war die letzte Station, das Primatialpalais, in dem 1805 der Frieden von Preßburg unterzeichnet wurde, bei dem Vorarlberg an Bayern fiel. In der Slowakei ist der 29. August ein Feiertag zur Erinnerung an den Aufstand gegen die Besetzung durch das nationalsozialistische Deutschland 1944. Am nächsten Tag ging es weiter durch wunderschöne Landschaften zuerst nach Neutra/Nitra, wo wir den Burgberg mit dem ersten Bischofssitz der Slowakei besichtigten: die Kathedrale des heiligen Emmeram, mit kleineren romanischen und gotischen Teilen und einer

prachtvollen Barockkirche. Die gotischen Fresken und der steinerne barocke Altar mit der Kreuzabnahme machten tiefen Eindruck, außerdem wurden wir über die Stellung der Kirche in der kommunistischen Tschechoslowakei unterrichtet. Nach der Mittagspause, in der manche die Gelegenheit zu einem Spaziergang zur Synagoge nutzen, ging es weiter nach Banska Bystrica /Neusohl, einer alten Bergbaustadt mit einem imposanten Hauptplatz mit einer barocken Mariensäule und einem modernen Obelisken mit Stern zum Andenken an die Befreiung durch die Rote Armee, außerdem einem Wehrturm gegen die Türken und einer gotischen Kirche mit einem außergewöhnlich feinen Schnitzaltar aus der Schule des Meisters Paul von Leutschau, dem wir noch öfter begegnen sollten. Manche von uns lernten hier das Wort „Zmrzlina“ und die dazugehörige Sache kennen. Besonders eindrucksvoll war das in brutalistischem Betonstil errichtete Museum und das eiserne Denkmal zur Erinnerung an den Slowakischen Nationalaufstand vom 29. August 1944. Die Reise führte weiter durch bewaldete Gebirgsgegenden mit alten Bergbauorten in die Liptau. In Erinnerung blieb die Geschichte, die Monika von einem Förster der Bergakademie in Schemnitz erzählte, der im 18. Jahrhundert, um vom Menschen schwer erreichbare felsige Partien aufzuforsten, auf die Idee verfiel, Baumsamen in Brotteig einzuhüllen und die Kügelchen auf die Felsvorsprünge zu schießen. In der Ferne kam die Hohe Tatra in Sicht: Wir waren in der Zips angelangt, einer alten Kulturlandschaft mit vielen deutschen Siedlungen. Leutschau/Levoca, der erste Dienstort von Kaspar Moosbrugger im damaligen Oberungarn, war das Endziel des zweiten Tages. Die Altstadt liegt – noch fast vollständig von einer rechteckigen Stadtmauer umgeben – auf einem Hügel und hat ihren altertümlichen Charakter bewahrt. Am nächsten Tag ging es zunächst nach Georgenberg/Spisska Sobota, heute einem Stadtteil von Poprad, das von deutschen Siedlern im 13. Jahrhundert nach dem Mongoleneinfall besiedelt wurde und eine der bedeutendsten Städte der Zips war. Der idyllische Ort mit dem eindrucksvollen Renaissanceglockenturm und der gotischen Kirche, die als

Kleinodien einen der schönsten Schnitzaltäre von Meister Paul, eine Kreuzigungsgruppe und ein Heiliges Grab in sich birgt, begeisterte alle. Hier steht noch immer ein Pferd (mit dem Heiligen Georg als Reiter) im Mittelpunkt des Altares; im Preßburger St. Martinsdom wurde die expressive Barockstatue von Raffael Donner, die ebenfalls den Heiligen Georg hoch zu Ross als Drachentöter zeigt, vom Hauptaltar entfernt, weil es anstößig erschien, dass ein Tier im Mittelpunkt der Verehrung zu sehen war… Weiter ging es nach Käsmark/Käsmarok, wo wir eine sehr lebhafte und spannende Führung durch die einzigartige Bibliothek des Evangelischen Lyzeums mitmachen durften, mit ca. 150.000 Bänden der größten Sammlung von pädagogischer Literatur in Mitteleuropa. Die Leiterin präsentierte in Vitrinen eine Auswahl aus den Wiegendrucken und verschiedenen Bibeln, eine Sammlung von Literatur zur touristischen und bergsteigerischen Erschließung der Hohen Tatra und eine Sammlung zur Schulgeschichte. Der besonders enge Karzer gab einen anschaulichen Einblick in die schwarze Pädagogik früherer Zeiten. Ein weiterer Höhepunkt war die zum Weltkulturerbe zählende hölzerne evangelische Artikularkirche, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts in der gegenreformatorischen Habsburgermonarchie vor den Toren der Stadt ohne feste Grundmauern und aus möglichst billigem Material, nämlich Holz, errichtet werden musste, deren Inneres aber durch einen gewaltigen wolkendurchzogenen Barockhimmel beeindruckte. An einer Wand hingen naiv gemalte, berührende Bilder von der Vertreibung der Deutschen 1945. Gleich daneben besichtigten wir die von Theophil Hansen ursprünglich für Jerusalem geplante neobyzantinische rote evangelische Kirche mit dem Grab des legendären ungarischen Rebellen Thököly. Nach einem Gang durch die Altstadt mit Renaissanceglockenturm und Stadtschloss probierten manche zu Mittag Haluski, die slowakischen Fleckerln aus Kartoffelteig mit Schafsbrimsen. Am Nachmittag wurden wir durch Leutschau mit seinen eindrucksvollen Bürgerhäusern, dem Karzer auf dem Marktplatz, dem bemalten Rathaus und als

Höhepunkt der Kirche des Heiligen Jakob mit dem höchsten gotischen Schnitzaltar der Welt (18 Meter) von Meister Paul aus Leutschau geführt. Vor diesem Altar dürfte auch Kaspar Moosbrugger schon gekniet haben. Manche machten noch einen Ausflug zu einer Marienwallfahrtskirche auf einem Hügel neben dem Ort mit, von wo aus man eine tolle Aussicht über die Stadt und die Landschaft hatte. Das Gerichtsgebäude, in dem Moosbrugger damals seines Amtes waltete, befindet sich gleich außerhalb eines der alten Stadttore. Abends aßen wir besonders stimmungsvoll in einem zu einem Restaurant umgebauten Festungsturm. Der Freitag war wieder ein Feiertag (Tag der Verfassung). Wir machten einen Stopp, um den ebenfalls zum Weltkulturerbe gehörenden riesigen Ruinenkomplex der Zipser Burg, die Ende des 18. Jahrhunderts einem Brand zum Opfer fiel, wenigstens zu fotografieren. An Eperies vorbei, wo Moosbrugger 1858 seine Richteramtsprüfung ablegte, ging es nach Kaschau/Kosice, der Metropole der Ostslowakei, zu Moosbruggers Zeiten der Hauptstadt von Oberungarn, einer so richtig altösterreichischen Stadt. Der gotische Elisabethdom, wo gerade eine Bischofsweihe stattfand, das Theater und der umgebende Park punkteten mit trotz des Feiertages regem städtischem Leben; außerdem steht in der Europäischen Kulturhauptstadt von 2013 das Denkmal des dort geborenen berühmten ungarischen Schriftstellers Sandor Marai. Dann überschritten wir die Grenze zu Ungarn und verbrachten den Abend in der schönen Weinbau- und Barockstadt Erlau/Eger, wo ein martialisches Denkmal an den Abwehrkampf gegen die Türken erinnert; aus der Zeit der Osmanischen Herrschaft, die ca. 100 Jahre dauerte, ist ein bleistiftschlankes Minarett erhalten. Am nächsten Tag besichtigten wir auf den Spuren von Sisi und Franz Joseph das Barockschloss Gödöllö. Dann hieß es Abschied nehmen von unserer Führerin Monika Profantova. In Budapest am Heldenplatz übergab sie uns ihrem ungarischen Kollegen Peter Balog, der es schaffte, uns in einer vierstündigen Führung mit viel Humor Wesentliches über die ungarische Hauptstadt und ihre Geschichte zu vermitteln. Den letzten Abend

verbrachten wir stil- und stimmungsvoll mit Zigeunermusik im historischen Café Callas gleich neben der Oper. Der nächtliche Spaziergang über die Kettenbrücke zu unserem Hotel gegenüber dem grandios erleuchteten Parlament setzte einen würdigen Schlusspunkt unter eine an Schönheiten und interessanten Eindrücken überreiche Reise. Die Heimfahrt per Bus bis Wien und dann weiter mit dem Railjet verlief wieder ohne Komplikationen. Die Slowakei, für viele bisher nur das Land, aus dem die Pflegekräfte für alte Angehörige stammen, hat entschieden an Profil gewonnen.

Ulrike Längle